Soft-Skills massiver Männlichkeit | Doktorandentagung Universität Paderborn

Soft Skills massiver Männlichkeit

Zerstörer-Lyrics und Style-Gedichte von Graffiti-Sprühern

Vortrag von Christoph May (ehemals Fuchs)

“Das Radikale – gesellschafts-politische und formal-ästhetische Aspekte in der Gegenwartsliteratur“ / Doktorandentagung, Universität Paderborn, 29.08.2014

Als professionell dokumentierte Show aus Schriftbild und Hip-Hop-Dramaturgie gelangt Graffiti weltweit zu Kommentar und Kritik. Den nächtlichen Choreographien der anonymen Männer geht eine enorme Faszination für konkrete und psychische Landnahmen voraus; das Begehren, Räume durch eine komplexe Symbolik aus Schriftbild und Körpersprache zu vereinnahmen. Ich untersuche diesbezüglich sowohl die literarischen Verarbeitungen als auch die schriftlichen Dokumentationen, Quellen und Selbstzeugnisse der Graffiti-Szene in Lyrics, Magazinen, Conversation Threads, Essays, Romanen und autobiographischen Texten.

Die raumgreifende Sprache von Graffiti-Sprühern bedient sich der radikalisierten Rhetorik eines Söldner- oder Guerilla-Krieges um Land (Block, Hood, Yard) und Fetisch-Objekte (Dosen, Züge, der Körper der Frau). Sie werden erobert und beschriftet, aber auch besungen, idealisiert und wortreich verteidigt. Ob Raub, Mord, Vergewaltigung oder Vertreibung: männliche Kriegsverbrechen werden hier kulturell transformiert bzw. formatiert (Photo, Video, Text), entschärft und im Verborgenen der Stadt en detail nachgespielt. Heimlich üben sich die jungen Feldherren in symbolischer Kriegsführung – Style-, Dance und Dj-Battle – und symbolischem Landraub. Im Unterschied zur beispielsweise irakischen Terrormiliz ‚Islamischer Staat‘ ist der Krieg, den diese Untergrundkämpfer führen, völlig gewaltfrei, komplett harmlos und bisweilen sogar literarisch und populärkulturell wertvoll.

Ich zeige an konkreten Textbeispielen zeigen, wie die Performing Kids/Men im Format- und Show-Kampf pseudo-radikale Identifikationsmuster ausbilden, um darüber redselig triumphieren, hassen, drohen und sich erneut herausfordern zu können. Für einen anschaulichen Vortrag werde ich meine literaturtheoretische Erörterung mit einigen Bildern spicken.

Forschungsgebiete:

  • Kritische Männlichkeit
  • Show-Realität
  • Land- & Bodygrab Rituals
  • Hostkoloniale Studien (Landnahme über den Wirt/Host)
  • Bildtheorie, Bildanalyse
  • Graffiti / Urbaner Raum
  • Deutsche Popliteratur / American Fiction
  • Kulturwissenschaft