Stop! – Wenn sich Sex falsch anfühlt

Erst ist alles ziemlich cool, doch nach kurzer Zeit fühlt sich alles irgendwie falsch an: Wie ziehen wir beim Sex Grenzen und wann werden sie für uns persönlich überschritten? Darüber sprechen wir in der Ab 21.
Christoph May im Gespräch mit Dominik Schottner

Dienstag, 24. November, 21Uhr Deutschlandfunk Nova

Dominik Schottner Drei Jahre ist es jetzt her, dass Millionen Frauen unter dem Hashtag #MeToo über Sex gesprochen haben, immer noch über Sex sprechen eigentlich, der nicht einvernehmlich war, wo klar war, da hat jemand ne Grenze überschritten. Was damals und auch heute ehrlich gesagt immer noch so ein bisschen außen vor ist, ist die Perspektive der Männer.

Wo sind sie, die Millionen Männer, die ja sozusagen auf der anderen Seite des Geschehens und ja doch leider mitten drin waren. Versuchen Männer seither sensibler zu sein, die Zustimmung der Frau tatsächlich auch einzufordern, zu bekommen für das, was sie gerne machen würden? Darüber habe ich vor der Sendung gesprochen mit Christoph May, der beschäftigt sich nämlich in Seminaren und forschend auch mit kritischer Männlichkeit.

Christoph May Ich habe gelernt, dass Männer sich nicht in relevanter Zahl an diesem Diskurs beteiligen. Was wir in den letzten Jahren seit 2017 sehen konnte, waren ein paar Abwehr-Artikel und -Texte. Männer äußern sich widerwillig dazu, aber der Diskurs ist los gestoßen und ich bin #MeToo sehr dankbar dafür. In Bezug auf Sex und Sexualität natürlich auch ein mega Befreiungsschlag auch für Männer. Aber ich stehe da auch erst am Anfang, was meine emotionale Sprachlosigkeit angeht, ich vermute mal, das ist ein lebenslanges Lernen.

Schottner Hast du für dich persönlich irgendwas verändert, also fragst, wirklich, fragst du tatsächlich oder ist es so ein Nicken oder so ein wortloses Einverständnis, was du dir da einholst?

May Ich würde sagen, in meinen Zwanzigern war da natürlich immer diese unausgesprochene Awkwardness, aber heute frage ich natürlich nach, also wie meine Partner:in die Situation einschätzt, ob sie sich wohlfühlt oder worauf sie Lust hat. Ja, eben nach dem so sogenannten Zustimmungs- oder Konsensprinzip. Bedeutet: Solange beide zustimmen, ist alles erlaubt. Also einfach nichts tun, was deine Partner:in oder dein Partner ablehnen und worauf sie keine Lust haben.

Und die Antwort natürlich in jedem Fall respektieren und sich zurücknehmen. Sich weiter aufdrängen und dranbleiben ist absolutes No Go! Ihr solltet auch darauf achten, keine schwammigen Fragen zu stellen. Also nicht einfach nur fragen: “Darf ich?” Sondern ganz konkret: Darf ich dir einen Zungenkuss geben? Und wenn deine Partnerin zustimmt, hat sie nur in diesen Kuss eingewilligt, sie hat dich nicht zum Sex eingeladen. Es ist weder eine Aufforderung, noch ein Freifahrtschein, sondern einfach nur ein ja zu einem Kuss.

Schottner Ja, jetzt versuche ich mal für einen Moment, für eine Frage die Perspektive eines, ja, ich möchte fast sagen traditionell eingestellten Mannes einzunehmen, der da vielleicht sagt, ach das ist so unromantisch. Mensch, sowas ergibt sich doch aus einem Zungenkuss automatisch, da landet man doch irgendwann zwangsläufig im Bett. Was entgegnest du solchen Positionen?

May Das es totaler Unsinn ist und dass er nicht weiß, wovon er spricht. Dass seine Sexualität total einseitig und eindimensional und phantasielos ist, denn Sexualität ist so dynamisch und lebendig. Und immer anders und neu, je nach Stimmung und Gefühlslage der jeweiligen Partner. Was könnte denn erotischer sein als ein stundenlanges und vor allem humorvolles Gespräch mit meiner Partnerin?

Gerade der männliche Begriff von Erotik und Sex ist ja oft erbärmlich eindimensional und phantasielos. Warum das so ist? Weil Männer sich viel zu sehr auf die Penetration fokussieren. Ich habe zehn Jahre lang bei den Fetischparties im Berghain gearbeitet, ich weiß, wovon ich spreche. Dabei ist die Penetration nur eine von unendlich vielen Facetten von Sex. Und garantiert nicht die wichtigste.

Schottner Hattest du denn mal eine Situation, wo du rückblickend sagst, au, also wo du über eine Grenze gegangen bist? Zumindest in der Retrospektive betrachtet?

May Nein, ich würde mich niemals aufdrängen oder die Gefühle und Bedürfnisse meiner Partnerin ignorieren. Ich schaue Frauen, die mir auf der Straße entgegenkommen auch nicht in die Augen und wenn nachts eine Frau vor mir läuft, wechsel ich die Straße oder bleibe zurück, damit sie sich nicht verfolgt fühlt. Da müssen die Grenzen absolut klar sein.

Schottner Hattest du mal eine Situation, wo jemand über deine Grenzen hinweg gegangen ist?

May Nein, zum Glück nicht. Das ging über trunkene Annäherungsversuche, wo man es dreimal deutlich sagen muss, nicht hinaus. Aber ich bin auch 1,95 groß, weiß und männlich, also relativ safe. Alles Privilegien, die die meisten Menschen nicht haben. Mir passiert sowas genau gesagt null.

Schottner Du hast jetzt schon gesagt, du hast zehn Jahre lang im Berghain gearbeitet. Für alle, die das nicht kennen, der Berliner Club, wo es viel um Sexualität geht, um laute Musik, um alles mögliche, was mit Extase zu tun hat. Hast du da festgestellt, dass es da ein Problem, also einvernehmlicher Sex, ist das ein heterosexuelles Thema oder auch ein homosexuelles Thema? Die Annahme hinter der Frage ist, dass queere Menschen vielleicht deutlich sensibiliserter sind für diese Thema als jetzt nicht queere Menschen.

May Auf jeden Fall, der feministische Diskurs ist den Männern um einhundert Jahre voraus. Die Männer sind da gerade erst am Anfang. und ich glaube, worauf du hinaus willst, Jungs und Männer haben gemeinhin eine sehr eingeschränkte Gefühlssprache. Es fällt ihnen nicht nur schwer, Emotionen und Gefühle differenziert wahrzunehmen, sondern sie haben auch einfach keine Worte dafür. Die emotionale Sprachlosigkeit von Männern, die war auch im Berghain legendär. Und welche Partnerin hat nicht damit zu kämpfen?

Und statt sich dieses Unvermögen, ja diese enorme Unfähigkeit einzugestehen – das wäre ja unmännlich – haben sie einen ganzen Katalog an Abwehrstrategien entwickelt, um ihre Gefühle einfach wegzudrücken und eben bloß nicht darüber sprechen zu müssen. Zuerst sollten wir also unsere männlichen Schweige- und Blockadekulturen hinter uns lassen. Dann müssen wir uns dringend mit unseren Privilegien und mit unseren Abwehrstrategien auseinandersetzen. Und drittens natürlich einfach zuhören, uns hingeben, feministische Literatur lesen und vom Feminismus lernen.

Schottner Sagt Christoph und ich empfehle euch einen Gang in die nächste Buchhandlung.

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