Rollenverteilung in Coronazeiten – Rückkehr zu alten Mustern?

Als „Pro-Feminist“ versteht sich der Männerforscher Christoph May, der sich wissenschaftlich mit Genderfragen in Filmen und Serien beschäftigt und damit auch Unternehmen berät. Wir haben ihn zur Rollenverteilung in Coronazeiten befragt.

Interview von Rolf Büllmann Bayern 2 und BR24
Bayern 2 Wie ist das in Zeiten von Corona? Werden Frauen schlechter gestellt?
Christoph May Absolut. Es wird umso deutlicher: Jetzt gerade, wo die Quarantänemaßnahmen angelaufen sind, beobachte ich in meinem eigenen Innenhof, dass die Baumärkte leergeräumt werden und ununterbrochen gesägt, gehämmert, gebohrt und geschraubt wird. Auch mit null Rücksicht auf die stille Arbeit im Homeoffice. Meine Frau hat einen schweren Corona-Verlauf und ich habe versucht, um Rücksicht zu bitten, aber es gibt weder Anteilnahme noch Rücksichtnahme. Und dann ruft die Mutter zum Mittagessen ‚rein. Und was lernen die Kinder daraus? Dass Daddy keine Care-Arbeit macht, weil er einfach keine Lust darauf hat, und so drückt auch Corona den Kids genau dieselben traditionellen Rollenverteilungen jeden Tag wieder rein wie vor der Krise.
Bayern 2 Frauen sprechen darüber, aber Männer diskutieren nicht so darüber!?
Christoph May Haben sie bisher nie. Nein, bisher nehmen Männer nicht in hinreichender Anzahl am feministischen Diskurs teil. Seit der MeToo-Debatte hört man nichts von Männern: Sie halten sich raus, sie ziehen sich in ihre männlichen Schweigekulturen und ihre Männerbünde zurück, weil sie da privilegiert sind, und in ihre Monokulturen. Und blockieren einfach alles, was in diese Richtung notwendig wäre. Ja, Unternehmen würden enorm davon profitieren, wenn sie einfach Männer nach Hause schicken würden in die Care-Arbeit. Und dafür im Grunde mehr Frauen, Inter- und Transpersonen im Unternehmen beschäftigen und für die auch Arbeitsplätze außerhalb von Zuhause schaffen. Jede Studie zeigt gerade, dass Unternehmen auch deutlich höhere Gewinne abwerfen, wenn sie divers aufgestellt sind und alle Rollenbilder repräsentieren. Das bedeutet im Umkehrschluss dann aber auch, dass jedwede Form von männlicher Monokultur im Unternehmen den Umsatz erheblich mindert.
Bayern 2 Könnten die Corona-Umwandlungen dabei helfen? Könnte daraus etwas Neues, Besseres wachsen?
Christoph May Ich denke nicht, dass sie (die Strukturen) aufgebrochen werden, sondern was einzig sichtbar wird, ist, dass nicht systemrelevante Wirtschaftsbereiche alle brach liegen. Das sind meist männlich dominierte Bereiche. Aber ich denke, dass sich das absolut verstärkt, auch zuhause. Es wird ja umso deutlicher, wenn der Mann jetzt zuhause ist, dass er trotzdem nicht teilnimmt an der Haus- und Sorgearbeit und so schnell wie möglich wieder zurück will in seine Leistungsstrukturen. Ich forsche vor allem zu Männlichkeit in Filmen und Serien. Und wenn man weiß, dass die Film- und Serienindustrie zu 90% männlich dominiert ist und auch unsere Geschichten und Rollenbilder, die wir alle jeden Tag reingedrückt bekommen, alles voller hyper-maskuliner Stereotypen, wenn nun zuhause also monatelang jeden Tag Serien und Filme geguckt werden, dann bekommen Kinder und Erwachsene ununterbrochen diese männlichen Stories reingedrückt. Und diese männliche Repräsentationsmacht von Netflix, HBO, arte, Amazon, Disney usw., die wird uns um Jahre zurückwerfen. Diese strukturelle Ungleichheit wird sich noch bestärken.
Bayern 2 Und warum funktionieren diese alten Rollenbilder auf einmal wieder so gut?
Christoph May Das sagt nichts Gutes über uns Männer. Das sagt, dass wir unsere traditionellen Rollenbilder nicht aufgeben wollen, unsere Privilegien nicht abgeben wollen. Wir sind in keiner Weise bereit, unsere Männerbünde in Frage zu stellen oder unsere eigenen Rollen in Frage zu stellen, nicht in relevantem Maß. Und teilzunehmen an der Debatte. Ich denke, das passiert hier gerade nicht.
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