Plädoyer für ein kritisches und PROfeministisches Männerbild

Cosplayer of Darth Vader, Star Wars at PF23, Photo by MathKnight [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Plädoyer für ein kritisches und PROfeministisches Männerbild

Oder: Wie wird man Männerforscher?

Von Christoph May

Wie wird man Männerforscher? Der perfekte Geburtsort für einen Männerforscher ist natürlich die DDR. Der Sozialismus: die feuchte Männerphantasie von Marx, Engels und Honecker.

Mein Vater hatte weniger Glück. Er wurde gleich nach der Geburt in ein Kinderheim gesteckt. Die ersten beiden Jahre seines Lebens ohne Mutter und Vater. Dieses Trauma hat er tief in sich vergraben und nie darüber gesprochen. Genau wie meine Mutter nie darüber sprechen konnte, dass ihr Vater ein grosser Nazi-Offizier war.

Später bin ich auf ein evangelisches Internat gegangen. Der Glaube an den heiligen Vater und seinen Sohn war hier omnipräsent. Gottesdienste, Bibelkreise, Kirchenchor und weiß der Teufel was. Aber haben wir uns im Religionsunterricht jemals gefragt, warum die tragenden Figuren – Adam, Jesus, die Apostel und Gott allesamt Männer sind? Die wohl mächtigste Geschichte aller Zeiten ist eine Männerphantasie!

Zur selben Zeit bin ich über meinen Bruder in die Graffiti-Szene hineingerutscht. Und wir haben nicht gesprüht, wir haben gebombt. Mit Dosen, mit Streichfarbe, und sogar mit Feuerlöschern.

Wir schlichen über verbotenes Gelände und machten Jagd auf Züge und Wände. In unserer Phantasie erobert Graffiti ganz Berlin. Und die Ringbahn fährt unsere Buchstaben im Dauerloop durch die Stadt.

Das Geschlechterverhältnis in der Graffiti-Szene ist sehr ausgewogen: alles Männer! Genau wie bei ihren Gegenspielern: schnarchende Securitymänner, viel zu langsame Graffiti-Sokos und genervte Richter.

An der Uni habe ich alte Geschichte studiert. Homer, Herkules …diese Typen. All die unzähligen Männerkriege und Heldensagen der Griechen und Römer.

Im Hauptfach Literatur. Die Leiden des jungen Werther, Faserland, Infinite Jest. Der Lektüre-Kanon an den Unis wird bis heute von männlichen Autoren dominiert.

Nebenher habe ich im Berghain gearbeitet. Eine Darkroom-Phantasie aus Stahl und Beton. Tausende Männer feiern hier herrliche Sexparties und verwandeln das alte Heizkraftwerk in eine Tropfsteinhöhle.

Also das war mein Leben. Wie ihr seht, bin ich von Kopf bis Fuß auf Männer eingestellt. Und jetzt ratet mal, was die mit Abstand unbeliebtesten Themen sind, über die Männer reden wollen: männliche Privilegien und Gefühle. “Natürlich kann ich über Gefühle sprechen! Ich fühl mich gut! Alles super! …und du so?“

Das dumme an Privilegien ist, dass sie für den, der sie hat, ganz und gar unsichtbar sind. Ich habe fast 30 Jahre gebraucht, bis mir klar geworden ist, dass Männlichkeit unter Männern ein absolutes Tabuthema darstellt. Und wenn die Männer nicht über Männlichkeit sprechen, spricht auch die Gesellschaft nicht darüber.

Würden wir aber damit beginnen, unsere Privilegien kritisch zu hinterfragen, könnten wir die Gleichberechtigung von Frauen enorm beschleunigen. Wir könnten Väter sein, die sich nicht nur finanziell an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen, sondern auch emotional präsent sind. Je mehr wir begreifen, dass ein positives Männerbild nichts mit Leistung, Härte und Krieg zu tun hat, sondern mit Empathie, Liebe und Verantwortung, umso schneller könnten wir uns dem leidigen Kampfmodus verweigern.

Und genau deshalb habe ich vor zwei Jahren (2016) das ‚Institut für kritische Männerforschung‘ gegründet [aus dem Institut wurde 2019 das Netzwerk detoxmasculinity.net]. Um zum Beispiel über die bizarren Männerphantasien von Start-Up-Techies aufzuklären: Männer auf dem Mars, künstliche Intelligenz, Roboterfrauen oder ja, gäähn, selbstfahrende Autos. Wenn ich noch einmal die worte ‚Zukunft‘, ‚Vision‘ oder ‚Welt retten‘ höre, falle ich auf der Stelle in Tiefschlaf.

Dieses Jahr haben wir natürlich alle damit zu kämpfen, die Namen Trump, Putin, Erdogan oder Kim Jong Un wieder aus unserem Kopf zu kriegen. Das Aufbäumen traditioneller Männlichkeiten nervt gewaltig!

Aber zurück nach Karlsruhe. Der Männerforscher Klaus Theweleit hat hier viele Jahre gelehrt. Sein bekanntestes Werk sind die ‚Männerphantasien‘ aus den Siebzigern. Weltberühmt seine These vom faschistischen Körperpanzer der Nazis. Mein Forschungsgebiet sind die Männerphantasien von heute.

Theweleits Körperpanzer kommt dieser Tage zum Beispiel als ‚Man of Steel‘ daher: der aktuelle Superman.

Oder als Exo-Skelett wie bei Ironman.

Die größte Produktionsmaschine für Männerphantasien ist natürlich die Filmindustrie. Und ich rede nicht von der deutschen Filmindustrie. Sondern von der amerikanischen, von den großen Studios in Hollywood, von den Big Six.

Das Problem fällt sofort ins Auge: Nur sieben Prozent aller Regisseure von Disney über Universal bis Paramount sind Frauen. SIEBEN Prozent! Tendenz fallend! Bei Netflix, HBO und Amazon sind die Zahlen ähnlich. Sprich: fast alle Filme und Serien aus den vereinigten Staaten sind männliche Produktionen. Von ‚Herr der Ringe‘ über ‚Star Wars‘ bis ‚Game of Thrones‘: die großen Geschichten, die uns am meisten prägen, sind astreine Männerphantasien.

Und eines weiß ich als Männerforscher ganz sicher: unterschätzt niemals die Macht einer Männerphantasie!

Die erfolgreichsten Filme und Serien dieses Jahr kommen aus dem Action und Adventure Genre. Sie nehmen mehr als drei Viertel des Marktes ein. Alles in allem kommen wir auf knapp zwei Milliarden Zuschauer. Also fast jeder vierte auf diesem Planeten.

Nicht zu vergessen der Body Count, also die Anzahl getöteter Körper. In ‚Das Erwachen der Macht‘ – dem letzten ‚Star Wars‘ – zerstört ein sogenannter Starkiller gleichzeitig vier Planeten mit tausenden Milliarden Menschen.

Wenn eure Kids also mit dem Todesstern Ball spielen, ist das nicht einfach nur ein Ball, nein, es ist auch eine Massenvernichtungswaffe, ein Volksausrotter, ein Genozid-Geschoss.

Die modernen Männerphantasien von Zerstörung und Gewalt dominieren nicht nur die Filmindustrie, sondern auch die enorm wachsende Gaming-Branche. Auf der ‚Electronic Entertainment Expo‘ in Los Angeles liefen über 80 prozent aller neuen Titel im Combat-Modus. Kampf und Krieg sind der Treibstoff für die gesamte Spiele-Industrie!

Tag für Tag werden wir also von äußerst wirkmächtigen Männerphantasien überrollt. Und weil Zukunft immer nur eine Projektion von Gegenwart ist, wird auch unsere Zukunft nach einem männlichen Drehbuch inszeniert. Nichts prägt unsere Vorstellung von Zukunft so stark wie ‚Star Wars‘, ‚Guardians of the Galaxy‘ oder ‚Westworld‘.

Mit meiner kurzen Geschichte der Zukunft, die wir bereits hinter uns haben, will ich euch zeigen, dass uns noch weitere 2000 Jahre mit den immergleichen Männermythen bevorstehen, wenn wir jetzt nichts dagegen unternehmen.

Aber woran erkennt man überhaupt eine Männerphantasie? Was genau sind das für Geschichten, die hier erzählt werden?

Die bekannteste ist natürlich die vom Sohn, der seinen Vater sucht. Luke Skywalker hat ihn schon gefunden. Jack Sparrow ist noch immer auf der suche nach ihm und Tony Stark spielt jetzt den Ersatz-Daddy von Peter Parker. Soviel zum Leidensweg von Söhnen und ihren abwesenden Vätern. Die Erzeuger haben einfach keine Lust auf Erziehung. Es scheint, als wollen sie lieber Todessterne bauen und das Universum zerstören. Darth Vader kommt übrigens von dark, death und Invader. Bedeutet also: finsterer, toter Eindringling.

Die zweite große Erzählung lautet: die Familie rächen oder die Welt retten, gern beides auf einmal. Dafür werden die immer gleichen Szenarien heraufbeschworen: …Familien werden ausgelöscht …Die Welt geht unter …Zum Glück bin ich eine Kampfmaschine! Wolverine kommt in seinem langen Leben auf über 100 Kills. John Wick schafft das locker in nur 90 Minuten. Und ‚Game of Thrones‘ liegt nach sieben Staffeln bei sage und schreibe 174 Tausend Toten.

Soviel zu den Dauerbrennern hypermaskuliner Phantasielosigkeit. Ich möchte noch kurz auf ein drittes und recht junges Thema von Männerphantasien eingehen: die Emanzipation der Frau.

Sprich: wenn schon Emanzipation der Frau, dann nach männlichem Drehbuch. Nehmen wir ‚Wonder Woman‘. Wurde zwar groß gefeiert, ist und bleibt aber die Fetischphantasie eines Typen, der seine Frau erpresst und hintergangen hat.

Oder Dolores in ‚Westworld‘. Eine Cowboy-Phantasie von Michael Chrichton, in der Männer dafür bezahlen, lebensechte Roboterfrauen wie Dolores zu vergewaltigen und zu töten. Das Perfide dieser Männerphantasie: damit die naive Dolores überhaupt jemals so etwas wie ein Bewusstsein entwickeln kann, muss ihr Körper wieder und wieder missbraucht und getötet werden. Dreißig Jahre lang nahezu täglich. Also viele tausend mal. Die Selbstermächtigung der Frau wird hier als die wohl größte Demütigung inszeniert, die man sich vorstellen kann. Das ist barbarisch!

Ob Rey, Jyn Erso oder Mira Killian. Von Daenerys Targaryen bis Claire Underwood: man gewinnt so langsam den Eindruck, als sei die Frauenbewegung jetzt Männersache! Wir müssen diesen Irrsinn stoppen!

Ich habe vier Vorschläge. Zuallererst: das massenhafte Morden auf der Leinwand muss aufhören. Die Menschheit hat mehr zu erzählen.

Zweitens: solange wir unseren Kids nur Eisprinzessinnen und Sternenkrieger zeigen, werden sie weiterhin Prinzessinnen und Krieger sein wollen. Jungs dürfen auch weinen und Mädchen können kämpfen. Klingt selbstverständlich, ist aber noch lange nicht Realität.

Vorschlag Nummer drei: die Filmindustrie sollte endlich für Gleichberechtigung sorgen. Nicht nur bei den Schreibern, sondern auch in den Drehbüchern. Die Erfahrung zeigt, dass Selbstverpflichtungen der Wirtschaft ins Leere laufen. Eine Fifty/Fifty Quote aber wäre ein Segen für jedes Drehbuch. Nicht nur in Bezug auf den Frauenanteil. Sonder auch für die Vielfalt von Kulturen und Ethnien.

Und viertens: wir brauchen ein kritisches und PROfeministisches Männerbild.

So kriegen wir neue Phantasien!

In ‚Star Wars‘ hat es 30 Jahre gebraucht, bis die Prinzessin in den Kampf ziehen darf. Und wird Rey jetzt der neue Darth Vader? Klar, warum nicht? Aber wird das Drehbuch von ‚Star Wars‘ bald von einer Frau geschrieben werden? Davon sind wir Lichtjahre entfernt.

Maeve Milley, die Barfrau in ‚Westworld‘, hat es recht treffend so formuliert: “Zuerst dachte ich, ihr und die anderen seid Götter. Dann habe ich gemerkt, ihr seid nur Männer.“